Interview mit BSB Nord Präsident Gert Rudolph zum Strategieplan "Zukunft sichern" für die Jahre 2026-2028

Herr Rudolph, Strategiepläne beim BSB Nord sind traditionell an die dreijährige Amtszeit des Präsidiums gekoppelt. Für die neue Periode bis 2028 hat das Präsidium des BSB Nord sich auf das Motto „Zukunft sichern“ verständigt – eine Weiterentwicklung der letzten Strategie „Vereine stärken“. Warum liegt der Fokus für diese drei Jahre nun genau auf der „Sicherung“?

Weil viele Vereine heute nicht mehr wachsen wollen, sondern erst einmal überleben müssen. Wir haben zwar historische Mitgliederhöchststände, aber marode Sportstätten und immer weniger Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Wenn Ehrenamtliche ausbrennen oder aufgeben, hilft auch die beste Mitgliederzahl nichts. Mit „Zukunft sichern“ meinen wir deshalb: rechtzeitig gegensteuern, Krisen vermeiden und stabile Strukturen schaffen. Wir wollen das, was aufgebaut wurde, aktiv schützen – vor allem angesichts weniger Ehrenamtlicher und stark steigender Kosten.

Ein Blick in die Analyse zeigt deutliche Alarmzeichen: 44 % der Vereine in Baden-Württemberg sehen sich mit mindestens einem existenzbedrohenden Problem konfrontiert. Wo drückt der Schuh bei unseren Vereinen aktuell am meisten und wie nimmt der BSB Nord diese Sorgen auf?

Diese 44 Prozent sind für uns ein echtes Warnsignal. Sie zeigen, wie groß die Belastung an der Basis ist. Die Probleme sind vielfältig: Viele Vereine fühlen sich von Bürokratie überfordert. Es fehlen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren – sowohl im Vorstand als auch als Trainerinnen und Trainer. Dazu kommen hohe Kosten, etwa für Energie, Reparaturen, Neubauten oder Sanierungen. Wir nehmen diese Sorgen sehr ernst. Der BSB Nord versteht sich als Stimme der Vereine und macht gegenüber der Politik deutlich: Ehrenamtliche sind keine unendliche Ressource. Man kann sie nicht immer weiter belasten, ohne etwas zurückzugeben.

Eine wichtige Zielsetzung der Strategie ist die Entlastung des Ehrenamts. Viele Vorstände stöhnen bspw. unter der Bürokratielast – vom Datenschutz bis zu Berichtspflichten. Welche konkreten Maßnahmen plant der BSB Nord, um hier spürbar „Druck aus dem Kessel“ zu nehmen? Ist die Digitalisierung der entscheidende Schlüssel, um das Ehrenamt vor dem Burnout zu retten?

Wenn wir verhindern wollen, dass Ehrenamtliche aufgeben, müssen wir die Ursachen angehen. Digitalisierung ist dabei ein wichtiges Hilfsmittel, aber kein Selbstzweck. Wir setzen auf zwei Ebenen an: Erstens beim Bürokratieabbau. Förderprogramme dürfen nicht mehr Zeit kosten als sie Nutzen bringen. Die Anträge müssen einfacher und die Berichtspflichten weniger werden. Die Wertgrenze für zwingend vorgeschriebene Ausschreibungen muss deutlich erhöht werden. Ehrenamtliche sollen ihre Zeit im Verein verbringen – nicht am Schreibtisch. Zweitens ganz praktisch. Wir stellen digitale Hilfen zur Verfügung, etwa ein Vergleichsportal für Vereinssoftware oder digitale Analysetools. Ziel ist es, Abläufe zu vereinfachen, damit die Energie der Ehrenamtlichen wieder dem Sport zugutekommt.

Sie sprechen im Papier davon, dass Aufgaben, die früher „nebenbei“ erledigt wurden, heute professionelle Strukturen brauchen. Wie stellen Sie sich die neuen „kommunalen Netzwerke“ vor und wie sollen diese dem kleinen Verein vor Ort helfen?

Wir müssen ehrlich sein: Früher konnte vieles am Küchentisch erledigt werden. Das ist heute kaum noch möglich. Die Anforderungen sind deutlich komplexer geworden. Unsere Antwort darauf sind sogenannte kommunale Netzwerke, die wir gemeinsam mit den Sportkreisen vorantreiben. Man kann sie sich als regionale Servicestellen vorstellen. Dort arbeiten Hauptamtliche, die Wissen und Ressourcen bündeln und Vereine unterstützen. Diese Stellen übernehmen oder erleichtern Verwaltungsaufgaben. So werden kleine Vereine vor Ort entlastet. Hauptamtliche helfen gezielt dort, wo Ehrenamtliche an ihre Grenzen stoßen.

Kommen wir zum Geld. Die Kosten steigen, während kommunale Budgets oft schrumpfen. Wie sollen diese hauptamtlichen Stellen bezahlt werden? Außerdem fordert die Strategie „höhere Effektiv-Förderquoten“. Was bedeutet das konkret für den Verein, der beispielsweise sein Clubhaus sanieren muss?

Diese hauptamtlichen Stellen sind aus unserer Sicht eine notwendige Investition. Besonders dann, wenn mehrere Vereine gemeinsam solche Angebote nutzen. Bei Sportstätten müssen wir außerdem realistisch sein: Materialien und Handwerker sind deutlich teurer geworden. Alte Förderpauschalen reichen dafür oft nicht mehr aus. Deshalb fordern wir, dass Zuschüsse stärker an die tatsächlichen Kosten angepasst werden. Nur so nehmen wir den Vereinen die Angst vor Finanzierungslücken und verhindern, dass notwendige Sanierungen aufgeschoben werden.

Gut ausgebildete Trainer sind der Schlüssel zum Erfolg, aber Zeit ist knapp. Neben mehr Förderung setzt die Strategie auch auf „niedrigschwellige Bildung“. Heißt das, die Lizenzen werden „schmaler“, oder wie wollen Sie den Spagat zwischen Qualität und einfacher Erreichbarkeit schaffen?

Nein, „niedrigschwellig“ heißt keinesfalls weniger Qualität, sondern mehr Flexibilität. Wir haben Bildung bereits in den vergangenen Jahren stark an die Lebensrealitäten angepasst und werden diesen Weg weiter konsequent gehen. Wir wissen, dass Berufstätige mehr Flexibilität benötigen und sich häufig mit Wochenlehrgängen schwertun. Wir setzen daher auf Modularisierung, Digitalisierung und Dezentralisierung. Wir zerlegen die Ausbildung in handhabbare Module und bieten vieles digital oder dezentral direkt in den Sportkreisen an. So ermöglichen wir Qualifizierung und den Einstieg in die Lizenzierung und fördern das lebenslange Lernen, ohne die Hürden so hoch zu legen, dass Interessierte gar nicht erst anfangen.

Ab 2026 greift der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung. Das Strategiepapier nennt dies eine Chance, aber auch eine organisatorische Hürde. Wie will der BSB Nord verhindern, dass Vereine hier auf der Strecke bleiben oder überfordert werden?

Das Thema Ganztag ist eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahre. Es besteht die Gefahr, dass Vereine den Kontakt zu Kindern verlieren, wenn sie nicht eingebunden werden. Der BSB Nordsieht seine Aufgabe darin, die Vereine bei dieser Transformation aktiv zu begleiten. Wir dürfen die Vereine nicht mit den organisatorischen Anforderungen allein lassen. Über die erwähnten kommunalen Netzwerke wollen wir Kooperationen zwischen Schulen, Kommunen und Vereinen moderieren. Wir müssen verhindern, dass der Sport zur reinen „Verwahr-Dienstleistung“ wird, und stattdessen qualitativ hochwertige Bewegungsangebote im Ganztag verankern, die auch neue Mitglieder und so potenziell neue Ehrenamtliche in die Vereine bringen.

Wenn wir gerade von Ehrenamtlichen sprechen: Die „Drop-out“-Quote bei Jugendlichen ist ein bekanntes Problem. Ihre Strategie betont nicht nur den Sport, sondern auch die „Mitgestaltung“. Wie können Vereine heute junge Menschen davon überzeugen, nicht nur mitzuspielen, sondern auch Verantwortung zu übernehmen?

Indem wir aufhören, Jugendlichen fertige Konzepte vorzusetzen, und sie stattdessen machen lassen. Die Jugend will nicht nur konsumieren, sie will gestalten. Aber die klassischen Gremienstrukturen schrecken oft ab. Wir müssen Beteiligungsformen modernisieren: projektbezogenes Arbeiten statt Ämter auf Lebenszeit, digitale Beteiligung und flexible Einsatzmöglichkeiten. Wenn junge Menschen merken, dass ihre Ideen zählen und sie ihren Verein aktiv mitformen können, sinkt auch die Drop-out-Quote. Die Badische Sportjugend wird hier federführend Projekte und Bildungsmaßnahmen anbieten, um genau diese „Mitgestaltungskompetenz“ in die Vereine zu tragen.

Ein eigenes Kapitel widmet sich der ‚Nachhaltigkeit‘. Dabei geht es nicht nur um Solardächer, sondern um Ressourceneffizienz. Müssen wir uns davon verabschieden, dass jeder Verein alles allein besitzt – vom Rasenmäher bis zum Clubhaus?

Ja, da müssen wir umdenken. Das „Kirchturmdenken“ – jeder hat seinen eigenen Rasenmäher, seinen eigenen Bus, sein eigenes, kaum genutztes Vereinsheim – ist weder ökonomisch noch ökologisch zeitgemäß. Nachhaltigkeit bedeutet für uns effizienter Ressourceneinsatz durch Bündelung. Wenn Vereine kooperieren und Infrastruktur gemeinsam nutzen, sparen sie Geld und schonen die Umwelt. Wir wollen diese „Sharing Economy“ im Sport fördern. So bleiben mehr finanzielle Mittel für das eigentliche Ziel: den Sport.

In der Strategie wird betont, dass Sportvereine den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie stärken. Ist das in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung das stärkste Argument des Sports gegenüber der Politik, um als „Pflichtaufgabe“ und nicht als „Freiwilligkeitsleistung“ gesehen zu werden?

Ja, absolut. In vielen Orten sind Sportvereine einer der letzten Plätze, an denen Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Meinung fair miteinander umgehen. Wir sagen der Politik klar: Investitionen in Sportvereine ist eine kluge Zukunftsinvestitionen mit hoher gesellschaftlicher Rendite. Deshalb ist Sportförderung unserer Meinung nach keine freiwillige Leistung, sondern eine Pflichtaufgabe für die Sicherung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Demokratie.

Wenn Sie im Jahr 2028 auf diese drei Jahre zurückblicken: Was muss passiert sein, damit Sie sagen: „Die Mission ‚Zukunft sichern‘ war ein Erfolg“?

Wenn ich 2028 zurückblicke, möchte ich sagen können: Wir haben den Abwärtstrend im Ehrenamt gestoppt und die Vereine fühlen sich wieder sicher und handlungsfähig. Auch wenn wir bis dahin vielleicht noch nicht überall die volle Umsetzung erreicht haben, ist der Weg erkenn- und die Entlastung für unsere Vorstände bereits spürbar. Die Finanzierung der Sportstätten ist stabilisiert. Und vor allem: Wir haben bewiesen, dass der organisierte Sport auch im Zeitalter des Ganztags und der Digitalisierung die treibende soziale Kraft in Nordbaden ist. Kurzum: Wir haben die Zukunft nicht nur verwaltet, sondern gesichert.

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