BSB NORD | INTEGRATION DURCH SPORT VOLLKONTAKT: Vielfalt im Kampfsport Rückblick auf den 27. Februar: Voller Saal im Haus des Sports! Weiterhin beschreibt Olaf Zajonc die unterschied- lichen Trainingskulturen, die sich in Vereinen und Kampfsportschulen abzeichnen. Diese reichen von „proaktiv präventiv handelnd“ über „indifferent han- delnd“ bis hin zu „strukturell offen für Diskriminie- rung/Gewalt“. Während „proaktiv präventiv handeln- de“ Vertreter*innen von Kampfsportvereinen oder -schulen eine vielfältige Mitgliederschaft anstreben und dementsprechend eigene Maßnahmen gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit entwi- ckeln, um unattraktiv für potentielle Träger*innen von menschenfeindlichen Ideologien zu werden, sind „indifferent handelnde“ Vertreter*innen eher auf ein großes Mitgliederwachstum fokussiert und leiten erst dann Maßnahmen ein, wenn „Druck von außen“ ausgeübt wird. Solche Maßnahmen können beispielsweise Kooperationen mit Migrant*innen- organisationen oder einem queeren Sportverein sein, aber auch die Wertevermittlung und klare Positionierung gegenüber Mitgliedern, die diese Werte nicht vertreten und entsprechen. Kampfsport- vereine und -schulen die „strukturell offen für Dis- kriminierung/Gewalt“ sind, sind häufig durch eine harte Männlichkeitsinszenierung charakterisiert. Maßnahmen gegen gruppenbezogene Menschen- feindlichkeit werden nicht umgesetzt bzw. ganz und gar vermieden und sind somit höchst attraktiv für Träger*innen menschenfeindlicher Ideologien. Workshop zu Interventionsmaßnahmen Der Fachvortrag diente als Grundlage für den an- schließenden Workshop. Vertreter*innen unter- schiedlicher Kampfsportarten kamen im Workshop miteinander ins Gespräch, konnten sich über ihre Erfahrungen und Wahrnehmungen gruppenbezo- gener Menschenfeindlichkeit im Kampfsport aus- tauschen und einen Eindruck von den strukturell feinen Unterschieden machen, die jede Kampfsport- art mit sich bringt. In Gruppenarbeiten wurden da- rüber hinaus Gegenstrategien für menschenfeind- liche Verhaltensweisen entwickelt. Hierbei wurden konkrete Vorfälle von Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Ableismus (Diskriminierung von Men- schen mit körperlichen und/oder geistigen Beein- trächtigungen) beleuchtet und diskutiert. In allen Fällen erarbeiteten die Teilnehmenden immer eine klare Gegenstrategie heraus: Positionierung! Men- schenfeindliche Aussagen sollten in keinem Fall bagatellisiert oder verharmlost werden, sondern aktiv angegangen werden – sowohl präventiv als auch intervenierend. Beispielsweise können mit Plakaten, Stickern, Verweisen auf der Homepage aber auch durch Gespräche vor, während oder nach dem Training über die Werte des Sports und/oder V.l.n.r.: Luise Fleisch, Pia-Maria Müller, Kyung-Jin Kwak, Matthias Bernard, Olaf Zajonc. Foto: Nina Skala „Hier geht es nicht um Stigmatisierung! Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass der Kampf- sport per se ein Problem hätte. Wir sprechen heute vielmehr über die großen Potentiale und Ressourcen, die der Kampfsport mit sich bringt, aber wir beleuchten auch die Risiken, die durch Instrumentalisierung durch menschenfeindliche Ideologien entstehen können.“ Mit dieser ein- drücklichen Eingangsrede leitet Olaf Zajonc, Lei- ter des Modelprojekts „VOLLKONTAKT: Demo- kratie und Kampfsport“ in seinen Fachvortrag zu Trainingskulturen im Kampfsport ein. Sein Fachvortag ist eines von drei Programmpunk- ten, die den Abend des 27. Februar in Karlsruhe ge- stalteten. Im anschließenden Workshop und einer abrundenden Podiumsdiskussion wurde deutlich, dass es DEN Kampfsport nicht gibt, sondern, dass die Landschaft des Kampfsports sehr ausdifferen- ziert ist. Dies spiegelt sich in den unterschiedlichen Erfahrungen mit gruppenbezogener Menschen- feindlichkeit und den draus abgeleiteten Interven- tionsmaßnahmen wider, die sowohl die Podiums- gäste als auch die Teilnehmenden in dem Work- shop erläuterten. Ein kurzweiliger Abend der den Saal im Haus des Sports füllte! Das Projekt VOLLKONTAKT Das Projekt „VOLLKONTAKT: Demokratie und Kampf- sport“ realisiert seit 2020 Analysen, Forschung, Recherchen, Netzwerkarbeit und Beratung zu den Themen Extreme Rechte, Gruppenbezogene Men- schenfeindlichkeit und Gewalt im und um den Kampfsport sowie Prävention, Gegenstrategien und Förderung von Vielfalt. In seinem Fachvortrag stellt Olaf Zajonc die Forschungsergebnisse des Projekts vor, beleuchtet die Potentiale und Risiken des Kampfsports und verdeutlicht die in Deutsch- land zunehmenden Verbindungen zwischen Extre- 24 men Rechten mit den Sektoren Kampfsport und Selbstverteidigung. Das große Potential, das Olaf Zajonc zunächst jedoch in aller Deutlichkeit her - ausstellt, ist die Wirkung von Kampfsport auf die Persönlichkeitsentwicklung. Es geht nicht nur um Kampf, Wettbewerb und Kräftemessen, sondern um das Auseinandersetzen mit den eigenen Grenzen und die des Gegenübers. Achtsamkeit, Empathie und Selbstregulation sind dabei essenzielle Eigen- schaften, die zudem wichtige Wirkfaktoren der Gewaltprävention darstellen. Kampfsport bietet darüber hinaus einen geschützten Raum, um Ag- gression zu erleben und zu reflektieren. Genau die- se praktischen Erfahrungen ermöglichen einen angemessenen Umgang mit dem eigenen Gewalt- potential. Demgegenüber betont Olaf Zajonc auch die Risiken, die im Kampfsport auftreten können. Besonders eingänglich beschreibt er das Bild des „harten, sol- datischen, unbesiegbaren, einsamen Kämpfers“, das ein stereotypes Männlichkeitsbild reproduziert. Dies kann sich in diskriminierenden Verhaltens- weisen gegenüber Frauen, Trans- und Interperso- nen bzw. all jenen, die nicht diesem „Idealbild“ ent- sprechen, äußern. Auch die „Meisterzentriertheit“ in vielen Kampfsportarten sowie (Gürtel-)Graduie- rungssysteme erzeugen zuweilen starke Hierarchie- gefälle, die für menschenfeindliche Ideologien in- strumentalisiert werden und zu Machtmissbrauch führen können.