"Vereinssterben“ ist ein Mythos!

Wie sieht es aktuell in der Vereinslandschaft aus? Welchen Stellenwert haben Sportvereine? Und wie entwickeln sie sich innerhalb der Gesellschaft? Diese Fragen beantwortet BSB-Mitarbeiter Dr. Florian Dürr im großen Interview zum Thema "Vereinsentwicklung".

Wofür genau setzt sich der Badische Sportbund Nord ein. Was sind die Aufgaben und Ziele?
Die Aufgaben des Badischen Sportbundes kann man mit drei Schlagworten zusammenfassen: Bilden, Beraten, Bezuschussen.

Bei der Bezuschussung sind insbesondere die großen Förderprogramme zu nennen: Sportstätten- und Geräteförderung, Übungsleiter- und Trainerbezuschussung, Kooperation Schule-Verein, aber auch in Kindergärten sind wir seit mehreren Jahren erfolgreich aktiv mit zunehmenden Zuschussraten. Daneben existieren weitere Fördermöglichkeiten bspw. in den Bereichen Integration und Jugend.

Im Bereich Bildung sind wir als Badischer Sportbund zuständig für die überfachliche Bildung. Überfachlich meint alles, was nicht einzelne Sportarten betrifft und somit den Fachverbänden zugeordnet ist. Da ist der Bereich Führung und Management – dort bieten wir Aus- und Fortbildungen zum Vereinsmanager an und Formate wie Kurzschulungen oder Tageskongresse, die sich allesamt an diejenigen richten, die den Verein führen und organisieren. In der sportpraktischen Aus- und Fortbildung geht es um sportartübergreifende theoretische und sportliche Inhalte. Also Aus- und Fortbildungen für Übungsleiter*innen, aber auch die Unterstützung der Fachverbände bei diesen Themen.

Der Bereich Beratung beginnt bei einfachen Auskünften bis hin zu ausführlichen Themenberatungen und Vereinscoachings, bei denen es darum geht, den Verein in einer größeren Entwicklung zu begleiten. Bei letztgenannten Beratungsformen arbeiten wir auch mit Experten außerhalb des BSB Nord zusammen.

Neben diesen drei Angebotsbereichen haben wir für unsere Mitgliedorganisationen Rahmenverträge abgeschlossen, von denen alle profitieren, ohne dass sich jeder Verein individuell darum kümmern muss. Zu nennen sind der Sportversicherungsvertrag mit der ARAG (Allgemeine Rechtsschutz-Versicherungs-AG), mit der VBG (Verwaltungsberufsgenossenschaft) und Gema.

Die Zielsetzung des BSB Nord ist so einfach wie kompliziert, nämlich die Interessen unserer Mitgliedsorganisationen bestmöglich zu vertreten – und die sind mannigfaltig. Hierzu führen wir Strategiegespräche, werten Struktur-Daten und wissenschaftliche Untersuchungen wie den Sportentwicklungsbericht aus, bei dem auch nordbadische Vereine befragt werden und haben Gremien Arbeitsgruppen, die sich mit Entwicklungsfragen befassen. Darauf stimmen wir unsere konkreten Zielsetzungen und das Angebotsportfolio auch im verbandlichen Gesamtsystem ab – betreiben also eine kontinuierliche Organisationsentwicklung.

Deutschland gilt gemeinhin oft als ein Vorreiter in Sachen Vereinskultur. Wie wichtig ist Vereinskultur für unsere Gesellschaft?
Ich bin der festen Überzeugung, dass unser Vereinswesen in Deutschland auch über den Sport hinaus ein echtes Pfund ist, von dem die Gesellschaft stark profitiert. Es gibt es einige kollektiv geteilte Werte, also eine Kultur in den Sportvereinen, die zeigt, dass Vereinssport mehr ist als nur Sport und die Wirkungen sich nicht auf gesundheitliche Aspekte beschränken. Zu nennen sind insbesondere Fair play, und Toleranz, aber auch die Förderung des ehrenamtlichen Engagements und der Gemeinschaft, wie die SEB-Studien zeigen. Alles Werte, die nahezu alle Vereine teilen. Ich halte auch die Leistungsorientierung – gerade in Kopplung mit Fair play für einen zentralen Wert. Auch wenn es im Hochleistungssport viele unschöne Entwicklungen gegeben hat, darf man nicht vergessen, dass an der Basis viel Gutes geleistet wird. Der zentrale Aspekt ist für mich aber der Aspekt der Gemeinschaft. Gerade in Zeiten starker gesellschaftlicher Wandlungsprozesse, benötigen wir Institutionen wie (Sport-)Vereine, die neben der Familie Orte der Begegnung, des Austausches und auch des gemeinsamen Gestaltens (ohne kommerzielle Interessen) sind. Dieses ,Kulturpfund‘ gilt es zu stärken, zu entwickeln und zu bewahren.

Wie wichtig ist das vor allem für Jugendliche (soziale Kompetenzen etc.)?
Jugendliche haben die Chance, sich mit Gleichaltrigen zu messen, sich zu begegnen. Das ist ein Gegenpol zur digitalen Welt, in der Jugendliche auch leben. Es ein unschätzbarer Wert, im Verein eine Durchmischung von Charakteren und Personen zu erleben, die in anderen Lebenskontexten häufig nicht so bunt ,daherkommt‘. Jugendliche lernen nahezu in jeder Sportart, sich Konflikten zu stellen, denn diese bleiben im Sport nicht aus. An meinem Sohn habe ich gesehen, wie wichtig es sein kann, durch Leistungssport ein Ziel zu haben, für das es sich zu trainieren lohnt. Man verbringt die Wochenende lieber in der Schwimmhalle als auf Partys, um es mal platt zu sagen. Gerade in der Pubertät kann das ein wichtiger Stabilitätsanker sein.

Immer wieder liest man auch vom sogenannten „Vereinssterben“, vor allem in ländlichen Regionen. Auf Ihrer Seite las ich nun, dass 2018 bereits zum vierten Mal in Folge die Mitgliedszahlen gestiegen seien. Ist das Thema Vereinssterben nun nur ein Mythos oder wie schaut es damit aus?
Wenn man sich die Zahlen anschaut, dann ist das Reden vom „Vereinssterben“ ein Mythos. Das zeigen die Mitgliederzahlen. Von 2016 bis 2018 sind im Badischen Sportbund die Mitgliederzahlen gestiegen. Auch wenn man das in Beziehung setzt zur Bevölkerungsentwicklung, erreichen wir mehr Menschen als vorher. Bei einem Blick auf Mitgliedszahlen kann man also überhaupt nicht von einem „Vereinssterben“ sprechen. Die Anzahl der Vereine ist zwar leicht rückläufig, aber in einem unspektakulären Umfang. Es gibt natürlich auch einige Probleme der Vereine. Von daher darf man sich nicht zurücklehnen und sagen: Es ist alles super.

Gibt es im Vereinsleben städtisch-ländliche Unterschiede?
Das Vereinsleben als solches läuft ähnlich ab. Aber das Umfeld ist ein anderes und das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Vereine. Ein Kernunterschied ist für mich zum einen die Vielfalt an Wahlmöglichkeiten, die Menschen in Metropolregionen und dem städtischen Umfeld haben. Da sind die Alternativen viel größer. Es gibt mehr Angebote, die Freizeit zu gestalten. In ländlichen Regionen sind Vereine häufig noch das dominierende Element der Freizeitgestaltung. Zum anderen befinden sich städtische Vereine viel stärker in Konkurrenz zu anderen Anbietern wie Fitnesscentern. Dadurch entsteht bspw. ein Markt im Übungsleiterbereich mit entsprechenden Stundenlöhnen. An dem kann man auch als Verein nicht einfach vorbeigehen. Dafür gibt es Studierende, insbesondere der Sportwissenschaft, aber auch anderer Disziplinen, die eine Leidenschaft für das Unterrichten mitbringen.

Mit welchen Problemen haben Vereine heutzutage zu kämpfen? Was kann man dagegen tun?
Das größte Problem ist die Gewinnung von ehrenamtlichen Funktionsträgern. Es sind aber nicht nur Ehrenamtliche, auch Übungsleiter oder Kampfrichter sind Positionen in Vereinen, die schwierig zu besetzen sind. Personal ist somit das Kernproblem. Darüber hinaus ist auch die Bürokratiebelastung für die Vereine deutlich gestiegen. Hier muss es von allen Seiten mehr Anstrengungen geben, die Vereine wieder zu entlasten. Die Gewinnung von Leistungssportlern ist für einzelne Vereine ein Problem, die Finanzierung stellt über alle Vereine betrachtet kein großes Problem dar. Im Bereich des Personals und Ehrenamtes Lösungen zu finden, fällt nicht leicht. Es ist seit Jahrzehnten das dominierende Problem der Vereine und das verwundert ja auch nicht – Menschen zu finden, die sich unentgeltlich oder gegen ganz geringes Entgelt in ihrer Freizeit engagieren, ist und bleibt eine herausforderungsvolle Aufgabe. Dennoch gibt es auch Vereine, die hier kein Problem haben. Die Basis ist immer, durch gute Strukturen und Absprachen, die Arbeit bestmöglich zu verteilen und zu organisieren. In einigen Vereinen wird man künftig aber nicht umhinkommen, einzelne Teile der Arbeit auszulagern oder über bezahlte Mitarbeit nachzudenken – nicht um das Ehrenamt zurück zu fahren, sondern um es zu stärken, indem sich die Engagierten wieder auf die wesentlichen Punkte, den Sport und die Entwicklung des Vereinslebens konzentrieren können.

Im Badischen Sportbund Nord sind über 2500 Vereine dabei. Welches sind die „speziellsten Sportarten“? Also welche Sportvereine würden Sie besonders empfehlen, die wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätten?
Wir haben ein Herz für alle Sportarten – daher kann ich hier keine Vereine oder Sportarten empfehlen. Es ist mir und uns vielmehr wichtig, dass die Vielfalt der Vereine wahrgenommen und die öffentliche Wahrnehmung nicht auf wenige Sportarten eingeengt wird. Wir haben aktuell 52 Fachverbände, die bei uns Mitglied sind, jeweils mit unterschiedlichen Sportarten und/oder Disziplinen. Da wäre es einfach schön, wenn dieser Schatz an Unterschiedlichkeit in der medialen Präsenz mehr wahrgenommen und aufgegriffen wird.

Es gibt ja auch immer gewisse Trendsportarten. Welche Sportart ist denn gerade besonders gefragt oder im Kommen?
Wir können nur die Trends nachzeichnen, die sich auch in Mitgliedern niederschlagen und dort beobachten wir, sicher auch aufgrund der Demographie, einen starken Zuwachs beim Badischen Behinderten Rehabilitationssportverband, also vor allem bei den Reha-Sportangeboten. Wenig überraschend kommt auch die Kraft- und Fitnessorientierung in den Vereinen an, was sich u.a. am Wachstum des Gewichtheberverbandes zeigt und wir stellen eine Zunahme der Kletter- und Bergsportaktiven fest. Die Kletterhallen boomen ohne Ende. Aber auch Turnen mit seinem ausdifferenzierten Angebot und die Fußballer konnten in den letzten drei Jahren zulegen, wenn auch nur moderat. Die TSG Hoffenheim ist aktuell der Verein mit den meisten Mitgliedern, aber das ist bekanntermaßen ja nicht nur ein Effekt des aktiven Sporttreibens.

 

Das Interview führte Felix Haberkorn für ka-news.de
Den Originalartikel finden Sie unter http://www.ka-news.de/2345455