Herausforderungen, aber keine Krise!

Nur wenige Verbands- oder Vereinsvertreter kennen die Sportentwicklungsberichte (SEB). Diese halten eine ganze Fülle an Interessantem bereit, aus denen sich Handlungsempfehlungen ableiten. SPORT in BW sprach zu diesem Themen- komplex mit Dr. Florian Dürr, dem Geschäftsbereichsleiter für Sport- und Vereinsentwicklung beim Badischen Sportbund Nord. Er ist einer von vier Vertretern der Sportbünde im SEB-Projektbeirat.

Blicken wir zunächst nach nun zwölf Jahren Sportentwicklungsbericht auf die großen Entwicklungslinien in Deutschland. Gab es in dieser Zeit große Umbrüche, die in den Daten sichtbar sind?
Bei der inhaltlichen Grundausrichtung gab es keine gravierenden Unterschiede, sondern nur leichte Veränderungen. So haben beispielsweise die Leistungssportorientierung, die Gesundheitssportorientierung und die Fokussierung der Jugendarbeit abgenommen. Bei der Entwicklung von spezifischen Problemlagen hingegen gab es durchaus beachtenswerte und bedenkliche Entwicklungen. So stieg der Anteil der Vereine mit mindestens einem existenziellen Problem, natürlich nach subjektiver Ansicht, von 15 auf über 35 Prozent. Besonders bedrohlich ist dabei die Situation bei der Gewinnung und Bindung von Ehrenamtlichen. Aber auch die Bindung und Gewinnung von Übungsleitern und Trainern ist ein großes und größer werdendes Pro- blem. Die Situation in Baden-Württemberg ist im Vergleich zum bundesweiten Schnitt sogar noch etwas schlechter.

Und wie sieht es bezüglich der Vereinsstrukturen aus, vor allen Dingen wenn Sie Baden-Württemberg ansprechen?
Bei den Vereinsstrukturen wiederum zeigen sich keine gravierenden Veränderungstendenzen. Vereinsgrößen, Ein- und Mehrspartenverteilung, oder die Anzahl angebotener Sportarten sind, ähnlich wie Mitglieder- und Vereinszahlen insgesamt, ziemlich konstant.

Heißt das, dass man mit Blick auf die Probleme bei den Ehrenamtlichen von einer Krise sprechen muss?
Hier muss man differenzieren. Denn obwohl die Situation von manchen Vereinen als existenzbedrohend wahrgenommen wird, zeigt sich mit Blick auf die tatsächlich besetzten Positionen sowohl auf der Vorstands-, als auch auf der Ausführungsebene kein durchgängig negativer Trend, was man eigentlich erwarten würde. Es ist also eine Krise der Attraktivität, derzeit aber (noch) nicht der Besetzung im Ehrenamt. Aus vielen Gesprächen wissen wir aber, dass die- se Situation die Vereine stark umtreibt und auch viel Zeit und Nerven kostet.

Es wird immer wieder behauptet, dass Vereine der soziale Kitt der Gesellschaft seien. Lässt sich dies anhand von Daten belegen?
Die systematische Erfassung ausgesuchter und wichtiger Gemeinwohlleistungen ist eine der ganz zentralen Errungenschaften der Sportentwicklungsberichte. Ganze Heerscharen von Wissenschaftlern und sportpolitischen Akteuren greifen mittlerweile auf dieses Zahlenmaterial zu. Ob Mitgliedsbeiträge, Kooperationen, Gesund- heitssportangebote, gesellige Angebote oder Engagementzahlen. Zum Beispiel: Der durchschnittliche Erwachsenenbeitrag liegt in Baden-Württemberg wie im Bundesschnitt bei rund 75 Euro. Im Jahr! Dafür bekommt man in manchen Fitnessstudios gerade mal ein bis maximal zwei Monate finanziert. Für Kinder und Jugendliche liegt der Beitrag noch deutlich darunter. Selbst wenn hier zum Beispiel noch Abteilungsbeiträge fehlen, ist dies eine unglaublich günstige Möglichkeit, seinen Hobbys nachzugehen. Ermöglicht wird das unter anderem durch über drei Millionen ehrenamtliche Stunden in Baden-Württemberg, jeden Monat wohlgemerkt. Die Leistungen der freiwilligen Helfer sind dabei noch nicht einmal eingerechnet. Unter dem Strich: Ja, es gibt viele Zahlen, die diese etwas abgedroschene These stützen, auch wenn Sportvereine natürlich nicht der einzige gesellschaftliche Kitt sind.

Was können nun Sportvereine für Ihre tägliche Vereinsarbeit herausziehen?
Zum einen helfen natürlich die Daten zur lokalen Interessenvertretung – sozusagen als Zahlenbeleg, der durch das Agieren der Vereine vor Ort immer mit viel Leben gefüllt wird. Zum anderen sind beispielsweise Vergleichswerte zu Einnahmen- und Ausgaben immer auch Anlass, um die eigene Situation zu prüfen und zu vergleichen. Last but not least halten die Sportentwicklungsberichte eine ganze Fülle an Themenberichten bereit, aus denen sich Handlungsempfehlungen ableiten lassen. So zeigen die im Laufe der Zeit gewonnenen Daten beispielsweise, dass Vereine mit geselliger Ausrichtung weniger Probleme in den Bereichen Finanzen und Bindung sowie Gewinnung von Mitgliedern und ehrenamtlichen Funktionsträgern haben. Anlass genug darüber nachzudenken, wie man den Aspekt der Geselligkeit im eigenen Verein noch verbessern könnte. Am Ende bleibt es aber die Aufgabe der Vereinsführung, dieses Datenmaterial als Ausgangsbasis für eigene Überlegungen und Planungen zu nutzen.

Abschließend: Wie kommen die Vereine an den SEB?

Der Bundesbericht steht beim DOSB auf der Homepage zum Download bereit, und zwar unter der Rubrik Sportentwicklung. Der Länderbericht von Baden-Württemberg findet sich auf den Webseiten der Sportbünde. Alle bisherigen Berichte mit Themenberichten wurden beim Sportverlag Strauß publiziert.

 

Infos zum Sportentwicklungsbericht auf den Seiten des DOSB

Infos zum Sportentwicklungsbericht in Baden-Württemberg

Kontakt

Dr. Florian Dürr

+49 (0)721/18 08-24