"Sportvereine sind der Kitt in der Gesellschaft"

Der Sportentwicklungsbericht 2015/2016 (nachfolgend SEB genannt) liefert für den organisierten Sport in Baden-Württemberg wieder eine Fülle von interessanten Einzeldaten.
Die Redaktion hat BSB-Geschäftsführer Wolfgang Eitel gefragt, was für ihn besonders bedeutsame Ergebnisse sind.

Erste Frage: nutzen Sie die Daten des SEB für die praktische Arbeit im BSB Nord?
Ja, regelmäßig und immer wieder schauen wir in dieses alle zwei Jahre herausgegebene Werk und nehmen die Ergebnisse zum Anlass, unsere Angebotsleistungen zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen.

Geben Sie uns ein Beispiel?

Das Thema Gewinnung und Bindung von Ehrenamtlichen wird von den Vereinen als ein für sie sehr wichtiges Thema genannt, das bei manchen sogar als existenzbedrohend erlebt wird. Daraufhin haben wir reagiert und bieten im Rahmen von BSB.Regio dezentrale Kurschulungen an.

Und wie ist die Resonanz?
Wir sind sehr zufrieden, alle Schulungen sind voll und, was für uns noch wichtiger ist, die Teilnehmenden äußern sich sehr zufrieden sowohl mit dem Inhalt als auch mit der Organisation.

Die Autoren des SEB, Prof. Dr. Breuer und Svenja Feiler, schreiben in ihrer Zusammenfassung, dass Sportvereine „nach wie vor anpassungsfähige Stabilitätselemente in einer sich […] wandelnden Gesellschaft sind. Sehen Sie das aus Sicht des BSB auch so?
Unbedingt! Viele Bürgermeister/innen und kommunalpolitisch Verantwortliche berichten uns immer wieder, dass ihre Gemeinde ohne funktionsfähige (Sport)Vereine ärmer wäre. Es seien die Vereine, die eine Gemeinde mit Leben erfüllen und damit der viel beschworene soziale Kitt in der Gesellschaft sind.

Woran liegt es, dass Sportvereine einerseits anpassungsfähig sind, andererseits aber auch als traditionsverpflichtet angesehen werden?
In den Gremien unserer Vereine spiegelt sich in der Regel die Vielfalt der Gesellschaft wider. Berufstätige, Auszubildende, Rentner haben darin ihren Platz und bringen ihre Sichtweise als Alteingesessene und Zugezogene, als Familienvater oder Alleinerziehende, als Pfleger oder Anwältin ein. So entstehen Entscheidungen, die sich an der Mehrheit orientieren und dann auch Bestand haben.

Gibt es eigentlich eine Art Leitidee, mit der die Sportvereine im Lande beschrieben werden können? Bei aktuell 2459 Sportvereinen mit 768.238 Mitgliedschaften ist das natürlich schwierig - aber dennoch will ich es versuchen: Sportvereine orientieren sich an ihren Mitgliedern, denen sie ein qualitativ gutes und preiswertes Angebot machen. Dabei achten sie darauf, dass dabei insbesondere Kinder und Jugendliche gefördert und Werte wie Fair Play und Toleranz vermittelt werden. Und über das klare Bekenntnis zum Ehrenamt werden zudem auch demokratische Grundeinstellungen gefördert und gelebt.

Wie passen die Begriffe ‚preiswert‘ und ‚gute Qualität‘ zusammen?
Gute Frage! Eben weil Sportvereine gemeinwohl- und nicht erwerbsorientiert sind, werden sie ja vom Staat in einigen Bereichen steuerlich privilegiert. Hinzu kommt eine alles in allem gute Förderung durch die Kommunen und das Land Baden-Württemberg. So trägt die durch den Solidarpakt III verbesserte direkte Sportförderung unmittelbar dazu bei, dass wir als Sportbund und unsere Fachverbände unseren Vereinen sehr gute und dennoch preiswerte Ausbildungen auf unseren Sportschulen anbieten können. Und vergessen Sie nicht, dass alleine wir als BSB dieses Jahr ca. 3,5 Mio. € als Beschäftigungskostenzuschuss für in Vereinen tätige Lizenzinhaber an unsere Mitgliedsvereine auszahlen werden.

Gibt es auch Bedenkliches oder Unerfreuliches im SEB?
Bedenklich stimmt, dass sich die Vereine im Durchschnitt nur zu 40 % aus ihren Mitgliedsbeiträgen finanzieren. Spenden, Erlöse aus Veranstaltungen, Zuschüsse Dritter sind die anderen wesentlichen Einnahmequellen (siehe Abbildungen auf dieser Seite). Da aber diese am Ende nicht verlässlich sind, empfehlen wir stets eine Quote von mindestens 50 % Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen. Und dies nicht nur, weil es verlässlich planbare Mittel sind, sondern auch, weil aus steuerrechtlicher Sicht Mitgliedsbeiträge generell steuerbefreit sind.

Und Unerfreuliches?
Neben dem Problem der Gewinnung und Bindung von Funktionsträgern, jungen Leistungssportlern, Übungsleitern und Kampfrichtern plagen sich viele Vereine mit Gesetzen, Verordnungen und Vorschriften herum. Hier hat man den Eindruck, dass es mit dem Bürokratieabbau nicht voran geht. So spüren wir z.B., dass die Zentralisierung des Vereinsregisters für Nordbaden bei einem einzigen Amtsgericht (Mannheim) zu einer Entfremdung geführt hat. Selbst kleine Unachtsamtkeiten in der Protokollführung z.B. bei Wahlen können dazu führen, dass eine Eintragung im Vereinsregister nicht erfolgt.

Wie geht es mit dem SEB weiter?
Der SEB hat sich als Analyseinstrument für Sportverbände und Sportvereine bewährt und wird fortgesetzt, künftig aber im Drei-Jahres-Rhythmus. Wichtig ist es mir an dieser Stelle, allen Vereinsmitarbeitern zu danken, die immer wieder bereit sind, die Fragen zu beantworten. Das hilft uns enorm!

 

 

Einnahmequellen der Vereine
Kategoriein Prozent
Mitgliedsbeiträge40,36
sportliche Veranstaltungen & Angebote11,37
gesellige Veranstaltungen11,29
Vermietung & Verpachtung10,92
Zuschüsse Land und Kommune usw.9,58
Spenden9,14
Sonstiges5,78
Kreditaufnahmen1,56

Quelle: modifiziert nach SEB BW 2015/16

 

 

Wofür Sportvereine ihre Mittel ausgeben
Kategoriein Prozent
Sportbetrieb (Trainer, Plätze, Startgelder etc.)47,08
Verwaltungskosten (incl. Personal), Versicherungen, Steuern, GEMA u.ä.14,89
Unterhaltung eigener Liegenschaften13,97
Kapitaldienste und Rückstellungen7,27
Abgaben an Verbände6,56
Sonstiges5,47
außersportliche Veranstaltungen4,76

Quelle: modifiziert nach SEB BW 2015/16

Den ausführlichen Sportentwicklungsbericht für Baden-Württemberg finden Sie rechts im Downloadbereich!